Warum Mischpult?

oder: „Früher brauchte man den ganzen Quatsch nicht“

Wofür ein Mischpult?
  • Pegelanpassung
  • Klangregelung
  • Signal-Verteilung

Das Mischpult ist die zentrale Schaltstelle einer Tonanlage. Während einer Veranstaltung findet hier die meiste tontechnische Arbeit statt. Kein Wunder, dass dem Mischpult auch das zentrale Interesse eines jeden technikaffinen Laien gilt. Die vielen Knöpfe oder – im digitalen Zeitalter – die bunten Bildschirme und selbstbewegten Schieberegler begeistern nicht nur kleine Kinder. Grund genug, hier einmal zu fragen, was genau ein Mischpult überhaupt ist und wofür es verwendet wird?

Zu dem Wofür fallen mir spontan drei Punkte ein:

Pegelanpassung

Bereits in der Zeit der klassischen Musik lieferten verschiedene Intstrumente sehr unterschiedliche Lautstärken. Den gebeutelten Nachbarn eines Geigen-Anfängers mag dieses Instrument vielleicht gar nicht so leise vorkommen, doch gegen die Urgewalt einer Posaune kommt die Geige nicht an. Mit Geigen jedenfalls wären Jerichos Mauern nicht gefallen ;-) Ohne Mischpulte und Verstärkertechnik begegnete und begegnet man diesen Lautstärkeunterschieden durch drei Maßnahmen:

  • Sehr unterschiedliche Instrumente ließ man gar nicht erst gemeinsam musizieren. Für die Kammermusik bildeten sich beispielsweise Klaviertrios (Piano, Violine, Cello), Streichquartette (zwei Violinen, Bratsche, Violoncello) oder auch reine Bläser-Ensembles.
  • In großen sinfonischen Orchestern, in denen alle möglichen Instrumente zusammenkommen, kann die Anzahl gleicher Instrumente variiert werden. So finden sich in einem üblichen Synfonie-Orchester viele Streicher (beispielsweise 16 erste Violinen), aber nur wenige Blechbläser (z.B. 4 Trompeten). So können durch die reine Masse die Pegel der einzelnen sinfonischen Stimmen beeinflusst werden.
    Die gleiche Maßnahme kann man in der noch älteren Kirchenmusik beobachten: Hier treten beispielsweise viele Gesangsstimmen in einem Chor einer einzigen Orgel gegenüber.
  • Eine weitere Stellschraube war und ist die Positionierung der Instrumente. In einem Orchester sitzen die Streicher immer vorne, nahe am Publikum. Erst dahinter folgen Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte, hinter diesen wiederum die Blechbläser. Erst am hintersten Rand finden sich dann die Schlagzeuger. Letzteres ist in einer modernen Band nicht anders, im Jazz genau so wie im Rock, und hat dieselben (Lautstärke-)Gründe wie in der Klassik.
    Spannend, wie sich unsere Vorfahren schon nach dem Reziproken Abstandsgesetz gerichtet haben, ohne es zu kennen ;-)

Instrumenten-Anordnung in einem Orchester zur Pegelanpassung
Anordnung in einem Orchester: Streicher vorne (hier leider nicht im Bild, weil reines Blasorchester), dahinter Holzbläser, dann Blechbläser, ganz hinten die Schlagwerker

Mit dem Aufkommen der Lautsprechertechnik änderte sich so Einiges. Die Musik wurde nicht einfach immer lauter, sie wurde farbenfroher. Mit einem Mal waren die genannten drei Maßnahmen für die Pegelanpassung nicht mehr nötig. Plötzlich konnte man mit einer einzelnen Gitarre gegen eine ganze Band ankommen, ohne dass der Trommler sein Set streicheln musste. Sogar eine zarte Geige kann heutzutage mithalten.

Voraussetzung dafür sind natürlich die Lautsprecher und Mikrofone. Gesteuert aber werden sie – am Mischpult. Hier findet die eigentliche Pegelanpassung statt, und zwar nicht zuletzt durch die prominent angebrachten Schieberegler (Fader). Das Anpassen der Pegel verschiedenster Klangquellen ist eine der wichtigsten Aufgaben des Mischpults.

Klangregelung

Wer schon einmal ein akustisches Instrument mit einem Mikrofon abgenommen und über Lautsprecher wiedergegeben hat, der weiß, dass der Klang aus den Boxen kaum einmal genau dem Originalklang entspricht. Insbesondere der Mikrofonstandort, die Charakteristik des Mikros selbst und die Lautsprecher verfärben das Ergebnis.

Mikrofonabnahme

Auch, wenn eine akustische Gitarre ein Schallloch hat, heißt das nicht, dass nur hier der Schall austritt. Akustische Instrumente klingen als Ganzes. Bei der Gitarre z.B. erzeugt zunächst das Plektrum auf den Saiten einen eigenen Klang, der je nach Musikstil wichtig sein kann für den Gesamtklang. Die kaum hörbare Schwingung der Saiten wird dann auf den Korpus übertragen und bringt diesen zum Schwingen. Erst dieser regt maßgeblich die Luft an und erzeugt den Löwenanteil des hörbaren Klanges. Dabei ist das Schallloch wichtig und entscheidend, aber nicht allein zuständig. Der Korpus klingt als Ganzes.

Hier wird deutlich, wie wichtig die Positionierung eines Mikrofons ist. Dicht an den Saiten werde ich viel Plektrum-Schrebbeln auf die Lautsprecher bringen und viel Schallloch-Anteil. Näher am Steg werde ich mehr Korpus hören. Je weiter ich das Mikro vom Instrument entferne, desto natürlicher wird der Klang – weil nicht bestimmte Anteile durch ihre Nähe zum Mikrofon überbetont werden. Mit größerer Entfernung nehme ich aber auch mehr Umgebungsgeräusche auf (Rückkoppelgefahr!).

Besonders in live-Situationen brauche ich also eine gewisse Nähe zum Instrument, was – wie beschrieben – immer eine Klangverfälschung mit sich bringt. Daher muss der Klang korrigiert werden. Dies geschieht maßgeblich am Mischpult mit der Klangregelung. In der Regel aber ist das nur unvollständig möglich. Als Folge davon haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten der Musikgeschichte an diese Verfärbungen gewöhnt. Wie eine akustische Gitarre klingt, kennen sehr viele Musikfans nur aus Lautsprechern. Besonders deutlich wird diese Entwicklung aber bei der Geige in der Rockmusik. Durch die notwendigerweise sehr dichte Mikrofonplatzierung oder sogar die Verwendung eines eingebauten Tonabnehmers klingen Geigen in moderner, lauter Musik oft sehr unnatürlich, sehr platt und undetailliert – und niemand beschwert sich mehr (na ja, Klassik-Fans schon).

Um dieser Klangverfärbung zu begegnen, setzt man die Klangregelung am Mischpult ein. Beulen im Frequenzgang können hier (in Maßen) wieder ausgebügelt werden. Liefert die Charakteristik eines Mikrofons eine Überhöhung bei 1000Hz, kann ich diesen Frequenzbereich mehr oder weniger breit mit meinen Reglern am Pult wieder absenken. Ist besonders viel Trittschall auf einer Holzbühne zu hören, verwende ich das Trittschall-Filter (hi-pass / lo-cut). Und hält ein ohnehin schon sonorer Sänger das Mikro sehr nah an den Mund (Nahbesprechungseffekt), dann werde ich ihm am Mischpult die übermäßigen Bassanteile wieder klauen.

Auch, wenn Mischpulte meist viele Kanäle haben: An diesen Beispielen kann man sehen, dass schon ein einzelner Kanal, ein Mikro auf der Bühne, die Klangregelung im Mischpult benötigt. Es geht also nicht nur um das Mischen der Signale verschiedener Kanäle, sondern auch um das Mischen der einzelnen Frequenzen in jedem einzelnen Kanal, also um das Erzeugen eines angenehmen Frequenzgangs.

Signal-Verteilung

Wenn alles gut läuft, dann hört das Publikum einer modernen, großen Musik-Veranstaltung nur den Klang, der aus den Lautsprechern dringt. Dieser ist es nämlich, den die Person am Mischpult unter Kontrolle hat. Aber wirklich nur diesen?

Die PA heißt nicht umsonst PA. PA bedeutet „Public Address“, übersetzt etwa „für die Öffentlichkeit“, „öffentliche Ansprache“ oder „fürs Publikum“. Früher bezeichnete man das gesamte tontechnische System als PA. Dieser Begriff hat sich aber gewandelt, weil sich auch die Technik gewandelt hat. Heute wird meist nur noch derjenige Teil der Tonanlage PA genannt, der das Publikum beschallt – also die Lautsprecher, die zum Publikum gerichtet sind, und die zugehörige Verstärkeranlage. Lautsprecher gibt es auf einer modernen Bühne heutzutage nämlich deutlich mehr als früher, und die gesamte Tonanlage ist für deutlich mehr zuständig, als nur „fürs Publikum“.

Die Frontlautsprecher mit den Subwoofern beschallen das Publikum. Auf der Bühne stehen zusätzliche Monitor-Lautsprecher für die agierenden Künstlerinnen und Künstler. Jede Keyboarderin will ihre Keyboards hören, und jede Sängerin braucht ihre eigene Stimme und die des Background-Sängers auf ihrem Monitor. Immer üblicher wird InEar-Monitoring, also ein Tonsignal über Kopfhörer, ob kabelgebunden oder per Funk. Und dann gibt es noch Bassshaker für die Bassisten und Drummer. Nicht alle, aber die meisten dieser Signale werden an einem Mischpult individuell zusammengemischt.

Hinzu kommen noch weitere Signale, die das Mischpult verlassen oder intern für bestimmte Aufgaben genutzt werden. So benötigt jedes Effektgerät (Hall, Delay; ob intern im digitalen Pult oder extern beim analogen) ein speziell gemixtes Eingangssignal. Und dann ist vielleicht noch eine Aufnahme zu machen, ein Regieraum zu beschallen oder ein Theaterfoyer. All diese Signale werden in Mischpulten zusammengestellt und über verschiedene Ausspielwege mit der Welt geteilt. An analogen Pulten werden diese Wege meist als Aux-Wege bezeichnet (engl. auxiliary: „hilfreich“, „zusätzlich“, „unterstützend“). Dieser Begriff deutet an, dass sie nicht die Hauptsache sind; die Hauptsache sind nach dieser Denke die Hauptlautsprecher, also der Main-Weg im Mischpult (L/R; Left/Right). In den viel flexibler nutzbaren digitalen Pulten taucht der Begriff "Aux" dagegen kaum noch auf. Statt „Aux-Wegen“ sind es hier „Mixe“ oder „Busse“, die zusammengemixt werden. Der Main-Mix oder -Bus ist hierbei nur noch einer unter vielen (wenn auch ein privillegierter). Dies ist ein Zeichen dafür, dass sich die Anforderungen auf modernen Bühnen verändert haben – weg von der Frontlautsprecher-Zentriertheit und hin zu einer Vielzahl gleichwichtiger Lautsprecher, wie oben bereits angedeutet.

Ein modernes Mischpult hat also nicht nur viele Eingangskanäle, sondern oft ebensoviele interne Signal-Wege, auch Busse oder Mixe genannt, die teilweise auch ausgespielt werden. Viele Einganskanäle und viele daraus resultierende, individuelle Ausgangskanäle – das hat große Ähnlichkeit mit dem mathematischen Modell einer Matrix, oder einfacher: einer Tabelle mit vielen Spalten (Eingangskanäle) und vielen Zeilen (Busse / Ausgangskanäle). Dieses Modell spielt im folgenden Abschnitt eine zentrale Rolle.

↪ weiter mit Das Mischpult als Matrix

Mischpult als Kunst
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Anordnung in einem Orchester: Streicher vorne (hier leider nicht im Bild, weil reines Blasorchester), dahinter Holzbläser, dann Blechbläser, ganz hinten die Schlagwerker
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